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Dezember 2019

Architectural Apparel Concept

Am 6. November 2019 war es soweit: MORE THAN DESIGN-Herausgeberin Heidi Khadjawi-Nouri übergab im Rahmen der Vienna Awards im Weltmuseum Wien zum ersten Mal den 21st Century Style Award im markanten "Golden Panda"-Design. Ein weiteres Highlight der Award-Show schimmerte zwar nicht so golden wie der Panda, begeisterte dafür aber mit schwarzer Eleganz und dezentem Luxus: Denn Khadjawi-Nouri wurde für den Abend in eine atemberaubende Robe von In Or Near gehüllt, die auf dem Event für viele verdrehte Köpfe sorgte.

© In Or Near

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MORE THAN DESIGN hat sich mit den beiden kreativen Masterminds hinter der aufstrebenden Modemarke zu einem persönlichen Gespräch getroffen, um einen tiefergehenden Einblick in die Welt des „Architectural Apparel Concepts“ von Designerin Liliya Semenova und Brand Developer Diana Stoynova zu erhalten.

Obwohl erst 2018 gegründet, mausert sich In Or Near langsam vom Geheimtipp zu einem Key Player im Modesektor: Wie ist die Idee zu Ihrer eigenen Marke entstanden? Und wie haben Sie mit Ihrer Partnerin zusammengefunden?

Liliya Semenova (LS): Wir haben uns bei einem Fotoshooting am Neusiedlersee für das Projekt „to be a muse“ – in Kooperation mit der Albertina – kennengelernt. Diana war damals für das Projektmanagement verantwortlich und ich wurde eingeladen, die Kleider der Models zu gestalten. Mir ist sofort aufgefallen, wie gut Diana mit einer solch großen Produktion zurechtkommt (sie war früher Filmproduzentin). Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden und sofort gespürt, dass hier Synergien für eine weitere Zusammenarbeit bestehen. Nach meiner langjährigen Tätigkeit als Designerin hatte ich das Gefühl, nun meinen eigenen Weg gehen zu wollen, es war aber für mich sehr wichtig, den richtigen Partner dafür zu finden. Diana hatte bereits Erfahrung mit der Entwicklung von Marken und kannte sowohl Mode- als auch Filmbranche gut – eine perfekte Kombination also. Wir trafen uns in einem kleinen Kaffeehaus im Herzen des 7. Bezirks fürs Brainstorming und kreierten schon dort den Namen unseres Labels.

Diana Stoynova (DS): Als ich Liliya traf, war für mich sofort klar, dass sie das Talent besitzt, in kürzester Zeit Kreationen zu schaffen und in diese auch noch ein Stück ihrer Persönlichkeit einfließen zu lassen. Als ich sie fragte was sie eigentlich erreichen will, antwortete sie: „Ich will am LVMH-Wettbewerb teilnehmen und von Geometrie und Architektur inspirierte Kleider für die breite Masse schaffen.“ Diese Aussage hat mich zugleich beeindruckt und herausgefordert. Und so ergriff ich die Chance. Unsere Geburtstage liegen nur zwei Tage auseinander – vielleicht auch ein Grund für unsere gleiche Wellenlänge.

Was ist die Philosophie von In Or Near? Und was ist das Alleinstellungsmerkmal?

DS: Das Konzept unserer Marke ist in Istanbul während eines Spazierganges am Bosporus entstanden. Gemeinsam mit zehn weiteren Designern wurden wir ausgewählt, Österreich zu repräsentieren und – im Rahmen des WKO-Programms Advantage Austria – eine Fashion-Show im Österreichischen Konsulat in Istanbul zu gestalten. Im Rahmen dieser Reise sind wir am Bosporus spazieren gegangen, um Ideen zu sammeln. Ich nannte Liliya eine „Modearchitektin“ und da war es, das wichtigste Element unseres Konzepts, wofür wir auch sehr viel positives Feedback von allen Seiten erhalten haben. Ein sehr bedeutender Teil unserer Arbeit, der uns wirklich einzigartig macht, ist aus meiner Sicht das Streben danach, soziale Fragestellungen und Umweltprobleme in unserer Kleidung widerzuspiegeln. Wir möchten wichtige Themen wie Autismus, Diskriminierung, Rassismus und Nachhaltigkeit sichtbar machen.

Was hat es mit dem Schlagwort des „architectural apparel concept“ auf sich?

 LS: Bei der Kreation der „In Or Near“-Kleider lassen wir uns vor allem durch die moderne Architektur inspirieren. Ich bin womöglich der größte Fan von Zaha Hadid und je „verrückter“ ein Gebäude aussieht, desto lieber will ich Elemente davon in unsere Kollektionen integrieren. Jedes Outfit von uns basiert auf dem „Goldenen Schnitt“. Das ist die wichtigste Grundlage – wie das Fundament eines Gebäudes. Es muss solide und perfekt sein, andernfalls würde es – egal wie viele Details man hinzufügt – an Stabilität und Komfort verlieren. Form, Konstruktion und Baumaterialien sind essenziell für moderne Architektur. Und genau das setzen wir auch bei unseren Kleidern um – nur dass es sich bei den Baumaterialien eben um spannende Stoffe handelt.

Was ist Ihre Herangehensweise an ein neues Modestück?

LS: Über den Entstehungsprozess könnten wir sicherlich ein ganzes Buch schreiben. Es ist schlicht unmöglich so etwas in wenigen Worten zu erzählen. Wir entwickeln keine einzelnen Modelle. Alle neuen Formen sind immer Teile eines Gesamtkonzepts oder einer Kollektion. Einige unserer Kollektionen sind auch bestimmten Events gewidmet, so zum Beispiel der diesjährigen Kampagne der Vienna Awards gegen Rassismus und Diskriminierung.

Das Kleid, das Sie für unsere Chefredakteurin Heidi Khadjawi-Nouri designt haben, musste ja unter starkem Zeitdruck fertig werden. Wie haben Sie diesen bewältigt?

LS: Das stimmt, wir hatten wirklich ganz wenig Zeit für die Anfertigung des Kleides. Wenn man aber motiviert und erfahren genug ist, um mit Zeitdruck umzugehen, ist alles möglich. Ich habe schon oft mit großen Designern, sowohl in Russland als auch hier in Österreich, zusammengearbeitet und war bereits häufig mit solchen Schwierigkeiten konfrontiert – für mich war das somit in Ordnung. Als Designer hat man es immer wieder mit knappen Deadlines zu tun, insbesondere vor Fashion-Weeks oder ähnlichen Veranstaltungen. Ich bin außerdem der Überzeugung, dass die Fähigkeit ein Kleid in ganz kurzer Zeit zu kreieren, von Professionalität und der hohen Qualität des Handwerks zeugt.

Was können Sie uns über dieses Kleid noch verraten? Wie sah der Design- und wie der Fertigungsprozess aus?

 LS: Jeder Prozess ist höchst individuell. Wir lassen uns von jedem Kunden inspirieren – und genau so war es auch mit Frau Khadjawi-Nouri. Sie hatte bereits eine Vorstellung, in welche Richtung es gehen sollte. Diese Idee haben wir aufgenommen und mit dem Stil von „In Or Near“ vereint – entstanden ist ein „Oscar Red Carpet“-Look mit Fünfziger-Jahre-Flair und modernen geometrischen Linien. Wir haben eine Technologie angewendet, die im 18. Jahrhunderts sehr beliebt gewesen ist – ein gerades Korsett ohne zusätzliche Nähte, bei dem die Brüste mit einem leichtem Push unterstützt werden. Die Wellen um die Schultern verleihen dem Kleid den speziellen „In Or Near-Touch“. Es war also ein gemeinsamer Prozess.

Ihr Engagement für „All for Autism“ ist sehr lobenswert. Wie kam es zu dieser Kooperation und sind für die Zukunft weitere Zusammenarbeiten mit Charity-Projekten geplant?

DS: Wir werden oft von sozialen Problemen inspiriert und gehen auf diese in unserer kreativen Tätigkeit ein. So haben wir anlässlich des 5. Benefizkonzertes „All for Autism“ im Wiener Konzerthaus – welches von der Kunstagentur von Irina Gulyaeva und von Yury Revich organisiert wird – versucht, das Bewusstsein für das Thema Autismus zu steigern. Die Kollektion „Mother Daughter“ haben wir speziell für dieses Event entworfen. Wir wissen, dass Kinder am häufigsten von diesem besonderen Zustand betroffen sind. Um auf die Notwendigkeit der Unterstützung von Betroffenen durch Familienmitglieder und die gesamte Gesellschaft hinzuweisen, haben wir ein Fotoshooting im Hotel Bristol und in der Albertina mit dem Londoner Fotografen Carlos Lumiere organisiert. Diese Kollektion wurde von uns auch bei der Fashion Week in Seoul vorgeführt, wo sie begeistert aufgenommen wurde. Wir arbeiten bereits an neuen Designs für die nächstjährige Veranstaltung, welche am 30.05.2020 im Konzerthaus stattfinden wird. Wir möchten auch andere Organisationen sowie Einzelpersonen ermutigen, dieses Event nach Kräften zu unterstützen. Auch für die diesjährigen Vienna Awards haben wir etwas Vergleichbares gemacht: Um gegen Diskriminierung und Rassismus aufzutreten, haben wir rote Kleider für die Hostessen kreiert. Im Moment arbeiten wir auch schon an einem weiteren großen Projekt, das sich mit dem Thema Nachhaltigkeit und insbesondere der Produktion und dem Verbrauch von Energie beschäftigen wird. In Kooperation mit einem österreichischen Werbeunternehmen produzieren wir ein Video, das im Rahmen des Cannes Lions Festivals gezeigt werden soll.

Verraten Sie uns noch ein Geheimnis: Was war das schrägste Erlebnis, das Sie bisher in Ihrer Karriere erlebt haben?

LS: Einmal mussten wir ein Kleid für eine prominente Person unmittelbar vor dem Event anpassen –direkt in der Toilette. Wir haben uns dafür fast 30 Minuten in der Kabine eingesperrt und konnten wegen des großen Aufruhrs vor den WC-Räumlichkeiten keine Sekunde raus. Wir mussten nähen, was das Zeug hält, um bis zur feierlichen Eröffnung fertig zu werden.

DS: Währenddessen war ich draußen und habe versucht die Paparazzi von der Toilette fernzuhalten. Gleichzeitig hing ich am Telefon, um den ganzen Prozess zu kontrollieren. Zum Glück ist alles gut gegangen und wir haben es rechtzeitig bis zur Eröffnung geschafft.

Vielen Dank, dass Sie sich beide Zeit für dieses ausführliche und interessante Gespräch genommen haben. Wir sind schon sehr gespannt, was für innovative Entwürfe uns in nächster Zeit aus dem Hause In Or Near erwarten werden und wünschen alles Gute für die Zukunft.

inornear.com

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