• Die Messer der Serie „Metz Finn“ präsentieren sich mit extrabreiten Klingen und geradlinig geformten Griffen.

    Foto: Johannes Pöttgens

Mai 2019

Scharfe Sache

Dass ein Ort wie Solingen auf der ganzen Welt bekannt ist, verdankt er seiner handwerklichen Tradition – und kreativen Köpfen wie Curt Mertens, der die vor hundert Jahren gegründete Werkstatt seines Großvaters in eine wahre Designschmiede verwandelt hat.

Foto: Johannes Pöttgens

Foto: Johannes Pöttgens

Jeder von uns hat durchschnittlich dreimal täglich ein Besteckteil in der Hand – und im Mund. Löffel und Gabel kommen uns so nah, wie kaum etwas anderes. Wir nehmen es dabei als selbstverständlich hin, dass die Kanten des Metalls nicht etwa scheuern und Messer scharf sind, um frisches Brot in dünne Scheiben zu schneiden, Fleisch exakt zu parieren und Fisch fein zu filetieren. Vielleicht bis zu dem Moment, wo genau diese Erwartungen plötzlich nicht erfüllt werden. Spätestens jetzt wird es allerhöchste Zeit, über Qualität und eigenen Anspruch an das täglich vielfach benötigte Werkzeug nachzudenken. Aber was genau machen ein gutes Besteck und hervorragende Küchenmesser eigentlich aus? 

Bei Carl Mertens in Solingen widmen sich Designer und Handwerker seit der Unternehmensgründung vor hundert Jahren genau diesen Fragen. In den historischen Werkshallen wird nämlich tatsächlich alles noch mit viel Handarbeit hergestellt. Dafür erhält jedes gefertigte Stück das begehrte Siegel „Made in Solingen“. Denn nur, wenn alle nötigen Arbeitsgänge der Messerherstellung auch innerhalb der Stadtgrenzen stattgefunden haben, dürfen die Ergebnisse das international begehrte und bekannte Qualitätsmerkmal tragen. Die Ortschaft, im bergischen Land zwischen Wuppertal und Düsseldorf gelegen, hat sich mit der sogenannten „Solingenverordnung“ als erste und bislang einzige der Welt ihren Namen schützen lassen. Mit diesem cleveren Coup sichert sich der Standort seine privilegierte Stellung gegenüber industriell gefertigten Konkurrenzprodukten aus Fernost und bindet gleichzeitig die Mitglieder der renommierten Branche an ihre Heimat. Denn gerade das Netzwerk aus seit Generationen fortgeführten Familienunternehmen mit ihrem unerschöpflichen Know-how und ihre geballte technische Leistungsfähigkeit machen die deutsche Provinzstadt einzigartig in einer Welt, in der traditionelles Handwerk vielerorts eben keine Protektion mehr erfährt.

Damit die Produktionen sich qualitativ bei aller Besinnung auf klassische Fertigungsweisen mit den neuesten technischen Entwicklungen messen können, haben sich die vielen kleinen Handwerksbetriebe vor Ort jeweils spezialisiert. „Unsere Infrastruktur in Solingen ist wirklich einzigartig“, schwärmt Curt Mertens, Gesch.ftsführer des Familienunternehmens in dritter Generation. Großvater Carl Mertens startete 1919 seine Firma mit der Produktion von Taschenmessern. „So wie die Werkstatt meines Großvaters zunächst ein Zulieferbetrieb für Klingen war, gibt es bis heute eine Reihe von für den Verbraucher namenlosen Unternehmen, die sich der Produktion von erstklassigen Schneidwaren verschrieben haben“, erklärt er das Netzwerk aus Experten, die die berühmte Messerstadt erst zu dem machen, was sie ist. „Die Verarbeitung des Stahls ist so komplex und aufwendig, und sie erfordert eine Menge an fundierter Materialkenntnis sowie teuren Maschinen. Da ergibt es absolut Sinn, wenn sich Betriebe spezialisieren und in der Fertigung aufeinander aufbauen“, erläutert Curt Mertens die effektive Arbeitsteilung, dank der original Solinger Messer heute noch auf traditionelle Weise hergestellt werden. Durch kurze Wege innerhalb der historischen Stadtmauern klappt das schließlich hervorragend und verhindert lange, zeitraubende Transporte.

Gründer Carl Mertens aber hatte Mitte der Dreißigerjahre eine wegweisende Vision für seinen florierenden Betrieb. Seine Werkstatt sollte nicht mehr nur eine von den zahllosen am Ufer der Wupper bleiben. Ihm schwebte vor, eine eigene Marke zu schaffen, die nicht nur ein Garant für erstklassige Qualität, sondern auch ein Synonym für fortschrittliche Formensprache sein sollte. Mertens wollte nicht mehr länger im Schatten seiner Abnehmer und Auftraggeber stehen, und so begann der Firmenchef, ganze Bestecke unter eigenem Namen zu fertigen. Neben der selbstverständlich akkuraten handwerklichen Arbeit war es besonders das für die Zeit hochmoderne Design, das seine Produkte auszeichnete und von anderen unterschied. „Das Besteck Worpswede von 1932 hat auch in den über achtzig Jahren seit seinem Entwurf nichts von seiner Modernität eingebü.t und ist bis heute einer unserer Bestseller“, verrät Curt Mertens, der die Manufaktur in dritter Generation seit dem frühen, plötzlichen Tod seines Vaters Curt Senior 1978 führt. Aber während der Vater in den Nachkriegsjahren von der Blütezeit des Handwerks profitierte und zu Spitzenzeiten mehr als hundert Mitarbeiter beschäftige, musste der Junior neue Wege finden. Der jüngste von vier Söhnen hatte eigentlich andere berufliche Pläne, brach sein Studium der Physik und Mathematik aber ab, als es darum ging, das Familienerbe fortzuführen.

Schwere Jahre lagen vor dem Branchenneuling, als sich der bis dahin starke amerikanische Markt von deutscher Wertarbeit zugunsten günstiger Massenproduktionen aus Asien abwendete und die Nachfrage spürbar schwächte. Mertens Rezept lautete deshalb aber etwa nicht, den sinkenden Preisen aus Fernost nachzugeben, sondern den Qualitätsanspruch vielmehr unbedingt zu erhalten oder sogar noch zu steigern. „Klein, aber fein“ lautete seine Devise, und so entwickelte sich die Manufaktur Carl Mertens ganz im Sinne ihres Gründers zur Schmiede für anerkannte und Nachwuchs-Designer. Ob Max Bill, Ernst Moeckl oder jüngst Shooting-Star Sebastian Herkner – Curt Mertens hat eine feine Antenne für Talente. Damit die sich voll entfalten können, lässt er den Gestaltern stets freie Hand bei ihren anspruchsvollen Entwürfen. „Einschränkungen kann man immer noch machen, wenn sich herausstellt, dass es technische oder statische Probleme bei der Umsetzung einer Idee geben könnte. Aber erst mal soll alles möglich sein, das fördert die Kreativität“, findet Mertens.

Und tatsächlich verbinden sich Handwerk und künstlerischer Anspruch auf so harmonische Weise, dass die Ergebnisse nicht selten mit zahlreichen internationalen Auszeichnungen und einer wachsenden weltweiten Fangemeinde belohnt wurden und werden. „Schon 1964 erhielten wir für die Besteckkollektion ‚Fundamentum‘ unseren ersten Designpreis. Mein Vater hatte damals den Kölner Gestalter Hans Karl Rodenkirchen mit dem Entwurf beauftragt“, erinnert sich Curt Mertens an die wichtige Weichenstellung. Er selbst nahm diese Auszeichnung als Wegweiser für die zukünftige Ausrichtung der Firma entgegen. Kein Wunder, dass dem ersten Preis viele weitere wichtige Prämierungen folgten, die den Ruf der Manufaktur stärkten. Auch renommierte Museen wie das MoMa in New York und das Museum für angewandte Kunst in Wien haben Besteckmodelle, raffiniert konstruierte Accessoires sowie neuerdings auch Küchenmesser von Carl Mertens in ihre Sammlungen aufgenommen.

In den Achtzigerjahren setzte Mertens auf maskuline Bar-Accessoires, die als Prestige-Objekte der Yuppie- Generation Kult-Status erlangten. Allen voran das sogenannte „goldene Maß“, mit dem sich die alkoholhaltigen Ingredienzien von Cocktails und Longdrinks stilvoll portionieren ließen – keine gute Hausbar ohne das handschmeichelnde Messbecherchen. „Die Herrengeschenke trafen damals den Zeitgeist, und wir bedienten mit unseren Produkten aus hochwertigem Edelstahl das Bedürfnis nach klaren, modernen Formen. Ein Jahrzehnt später entwickelte sich ein neuer Trend hin zur heimischen Küche, der uns natürlich sehr entgegen kam“, erklärt Curt Mertens den Wandel, der im eigenen Unternehmen positiv spürbar wurde. „Für uns hieß es nun buchstäblich ‚back to the roots‘, und so haben wir uns unseren eigenen Wurzeln, dem Messer, zugewandt. Kochen wurde jetzt auch für viele Männer zum neuen Hobby und das Kochmesser zu ihrem neuen Lieblingswerkzeug und Prestigeobjekt. Dieser Lifestyle- Trend spielte uns perfekt in die Karten“, freut er sich über die Nachfrage nach hochwertigen Schneidwerkzeugen, die er natürlich nur allzu gern bedient. Dabei gehört erstaunlicherweise Japan neben den USA zu den wichtigsten Absatzmärkten. In der Heimat des Santokumessers wird die Solinger Qualität nämlich hochgeschätzt. Und der zu deutsch als „Messer der drei Tugenden “ bezeichnete Allrounder für alle gängigen Küchenarbeiten ist auch hierzulande längst zum beliebten Bestseller geworden.

Gefertigt werden die erstklassigen Kochmesserserien genau wie die vielfach designprämierten Besteckteile von Carl Mertens in der hauseigenen Manufaktur. Je nach Modellreihe bedient sich Mertens der Solinger Gesenkschmieden oder schneidet den zunächst ungehärteten Edelstahl im eigenen Betrieb. Für die optimale Schnitthaltigkeit, also die dauerhafte Schärfe der Klinge im Gebrauch, wird der Stahl anschließend auf optimale 56 bis 60 Grad Rockwell – das ist die gängige Maßeinheit für den Härtegrad – gebracht. Bis ein Messer versandfertig und bereit für sein langes Küchenleben ist, sind zunächst je nach Modell vom Schmieden bis zum Feinschliff dreißig bis vierzig Arbeitsschritte nötig. All das geschieht in den historischen Werkshallen, in denen trotz mancher Modernisierung die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Denn nicht etwa computergesteuerte Roboter, sondern Hände und Augen erfahrener Schmiede und Schleifer wachen über die ungeheuren Kräfte, die hier walten. Viel Fingerspitzengefühl benötigt schließlich auch die Montage der Griffe aus heimischem Hartholz. „Erst wenn sich alles absolut weich und glatt anfühlt und Übergänge von Metall zu Holz nicht mehr spürbar sind, ist unsere Arbeit getan“, erläutert Curt Mertens die kompromisslose Qualit.tsprüfung in seinem Haus, an der sich auch im hundertsten Jahr seit Firmengründung nichts geändert hat. 

Apropos Jubiläum: Der runde Geburtstag ist für Curt Mertens kein Grund, sich auf dem Geschafften auszuruhen und das Alter zu feiern. Lieber beschenkt er sich und seine Kunden in aller Welt mit einer Neuheit: Die handgeschmiedete Messerserie „Country“ erweitert das bestehende Sortiment und setzt mit seiner robusten Fertigung aus einem einzigen Stück Stahl in Verbindung mit einem edlen Griff aus geräuchertem Eichenholz neue Maßstäbe. So gespannt Curt Mertens auf den Erfolg seiner Neuheit ist, so entspannt schaut er in die Zukunft, für die er natürlich schon buchstäblich neue Pläne geschmiedet hat. Denn wieder mit Blick auf neue, sich entwickelnde Trends hat der kreative Unternehmenslenker jüngst die neuen jungen Bartträger ins Visier genommen. „Überall in den Städten entstehen diese modernen Barber-Shops. Da lag der Gedanke nahe, sich mit dem guten alten Rasiermesser zu beschäftigen, und wer könnte das schließlich besser als wir?“, schmunzelt Curt Mertens und verbreitet die Gewissheit, die Antwort auf diese Frage schon bald in Form neuer Objekte der Begierde zu liefern ...

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