• Die Kollektionen von Delpozo sind verspielt, raffiniert, aufwendig und immer hyper-feminin.

    Foto: Delpozo

     

  • Für das spanische Prêt-à-Couture-Haus sind Farben genauso wichtig wie die Silhouetten.

    Foto: Delpozo

     

Mai 2019

Stoff aus dem Träume gemacht sind

Der deutsche Designer Lutz Huelle ist neuer Kreativdirektor des spanischen Prêt-à-Couture-Hauses Delpozo – und damit einer der wenigen deutschen Designer, die sich an der Spitze eines international einflussreichen Modehauses behaupten dürfen. Mit seinem zeitgeistigen Stilrepertoire hat er sich vorgenommen, das Delpozo von Morgen auf den Boden der Tatsachen zu holen.

Foto: Delpozo

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Auf den Boden der Tatsachen holen … das darf man an dieser Stelle keineswegs als Kritik interpretieren. Lutz Huelle gehört nämlich gewiss nicht zu den Designern, die ihr kreatives Ego über das einer Marke, einer Idee oder eines Konzeptes stellen. Es kann auch durchaus sein, dass Sie den Namen Lutz Huelle noch nie gehört haben. Und das ist gewissermaßen symbolhaft für seine Art, die Branche und die Dinge anzugehen: bedächtig, kontinuierlich und mit Fokus auf das Produkt, das ganz und gar für sich spricht. Der in Remscheid geborene Huelle ist ein bravouröses Beispiel dafür, wie sich ein talentierter Designer eine veritable Karriere in der Modehauptstadt Paris aufbauen kann, ohne großes Aufheben um sich oder seine Mode zu machen. Mit den Kollektionen für sein gleichnamiges Label macht sich der Absolvent der renommierten Londoner Central Saint Martins- Universität nun seit den Neunzigerjahren bereits einen Namen auf dem wohl kritischsten aller Modepflaster, wo er sich – einigen Modepreisen sei Dank – um die Nullerjahre herum zu einem absoluten Geheimtipp unter Connaisseuren gemausert hat.

MODE FÜR DEN ALLTAG, DIE NICHT ALLTÄGLICH IST

Auch heute, rund 20 Jahre später, gilt der preisgekrönte Huelle immer noch als Geheimtipp, der lieber seine Arbeit, als ein großes Brimborium, das die Branche oftmals fordert, für sich reden und wirken lässt. Vielleicht ist es jene angenehmsympathische Selbstverständlichkeit, mit der er Saison für Saison an seinen ‚Kollektions-Kapiteln‘ arbeitet, die ihn für die neue Position prädestinieren. Und sicher auch sein couragiertes Spiel mit Konstruktion und Dekonstruktion – einem gegenwärtig übergeordneten Stil-Moment in der Mode – das Huelle während seiner Arbeit für den legendären Martin Margiela quasi inhaliert und perfektioniert hat. Modekritiker zählen die Entwürfe Huelles sogar zu den wohl „coolest in fashion right now“. Ohne jeden Zweifel versteht er es, Kleidung zu entwerfen, die nicht nur auf dem Catwalk gut aussieht, sondern den Alltag etwas schöner, etwas spannender, etwas vielschichtiger und lebenswerter macht: In seiner aktuellen Kollektion wäre da beispielsweise eine Jeansjacke mit eingearbeiteten Spitzentriangeln, die er von etwas Profanem zu einem femininen Must-have erhebt. Oder die Jeans-Weste, die in ein Kleid überflie.t und die Antwort darauf, wie das Gesehene einzuordnen ist, offenlässt. Hier noch ein Volant oder ein spannender Textil-Clash, dort ein raffiniert platzierter Cut-out – seine Mode ist Mode für den zweiten Blick. Und genau diese auf Ambivalenz basierende kreative DNA könnte eine prägende Stilwende im Hause Delpozo einläuten: „Er arbeitet mit einer unglaublichen Energie“, kommentiert Pedro Trolez, Präsident und Inhaber von Delpozo, der sich im Hinblick auf die Zukunft der Marke überaus optimistisch zeigt: „Lutz Huelle wird der Schlüssel zum zukünftigen Erfolg von Delpozo sein“, ist er sich sicher.

KLEIDERKUNST, ZUM TRÄUMEN SCHÖN

Auf den ersten Blick allerdings scheint die Zusammenkunft von Huelle und Delpozo etwas ungewöhnlich, denn die Handschriften beider Marken stehen gewissermaßen im ästhetischen Gegensatz zueinander. Auf der einen Seite steht Delpozo – der textile Inbegriff von Träumen. Delpozo liefert viel mehr den Stoff, aus dem Träume gemacht sind: große Gesten, dramatische Silhouetten, zarte Farben, fabelhafte Präsentationen und ätherische Schönheit, die sich irgendwo zwischen Prêt-à-Porter und Haute Couture verorten lässt, weshalb der Stil des Hauses oft auch als Prêt-à-Couture, Couture-to-wear oder Demi-Couture bezeichnet wird. 1974 von Jesús del Pozo gegründet, hauchte Designer Josep Font der Marke nach dem Tod des Gründers neues Leben ein und etablierte sie nach einem Relaunch 2013 zum Inbegriff von exzentrischen Volumina, von aufwendigen Details, von weiblichem Purismus, von einem ausgereiften Umgang mit der Vielseitigkeit und Kraft von Farbe und vor allem von Kunst, die die Kollektionen von Delpozo stets zu einem zuverlässigen Highlight auf dem New Yorker Schauenkalender gemacht haben – ungreifbar und oftmals unbegreifbar schön. Font, der auch in der Architektur beheimatet war, kreierte für Delpozo ausgereifte Entwürfe, deren Vielschichtigkeit von dem von Bilderfluten und massivem Überangebot übers.ttigten Modepublikum zwar unisono bewundert, aber nicht immer (an)erkannt wurden. Genau das könnte Huelle, der auf der anderen Seite steht, nun ändern.

„Mir ist bewusst, dass Denim und Streetwear bei Delpozo im Moment keinen Sinn machen“, äußert Huelle gegenüber Vogue.de und stellt von Beginn an klar, dass er Delpozo nicht als Bühne zur schieren Realisation seiner persönlichen kreativen Bedürfnisse zu nutzen gedenkt. „Ich sehe es wie einen Service für die jeweilige Kollektion“, fügt der bescheidene wie erfahrene Designer hinzu, dessen versiertes Spiel mit Silhouetten, Materialzusammenkünften, Kategorien und Konventionen Delpozo ganz ohne jeden Zweifel zutragen und es einem noch breiteren Publikum öffnen werden. Wie genau seine Vision für Delpozo aussehen wird, werden wir im Frühsommer 2019 sehen, wenn die erste eigenständige Resort 2020-Kollektion von Huelle für Delpozo präsentiert werden wird.

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