Juni 2020

Weniger ist mehr

Mit „Notes from the silence“ – also „N

Mit „Notes from the silence“ – also „Notizen aus der Stille”, betitelt Alessandro Michele, der Chefdesigner des italienischen Modehauses Gucci, ein von ihm verfasstes und auf Instagram veröffentlichtes Statement. Dennoch kommt die Botschaft daraus eher einem Paukenschlag für die Modewelt gleich. Mit seiner unerwarteten Mitteilung ist der Star-Designer in einer digitalen Pressekonferenz an die Öffentlichkeit gegangen. Obwohl die Modebranche durch die Corona-Krise schwer angeschlagen ist, möchte Michele gemeinsam mit Gucci in Zukunft weniger anstatt mehr Mode auf den Markt bringen. Vor dem Hintergrund der Pandemie, die gerade Italien und damit das Mutterland vieler bedeutender Modehäuser besonders verheerend getroffen hat, spricht sich der Designer für ein radikales Umdenken in der Modewelt aus. „We went way too far. Our reckless actions have burned the house we live in“ – “Wir sind zu weit gegangen. In unserer Leichtsinnigkeit haben wir das Haus niedergebrannt, in dem wir leben“, schreibt Michele. Er kritisiert unter anderem die Schnelllebigkeit der Modewelt und möchte diese nachhaltiger gestalten. Zwei Kollektionen pro Jahr wären in seinen Augen genug. Im momentan gängigen Zyklus der Modewelt sind es bis zu sechs Kollektionen, die die Modehäuser jährlich auf den Markt bringen.   
Doch diese Entschleunigung ist nicht die einzige Neuerung, die dem Modeschöpfer vorschwebt: Michele möchte auch die in seinen Augen überholte Kategorisierung der Kollektionen in „Frühjahr/Sommer“ und „Herbst/Winter“ hinter sich lassen. Und Michele ist nicht der einzige, den die Zwangspause durch die Corona-Krise zum Umdenken bewegt hat. Auch die Modehäuser Saint Laurent und Armani sprechen sich für eine entschleunigende Trendwende in der Fashion-Welt aus. Wann und ob die Designer sich tatsächlich auf einen neuen, langsameren Kalender für ihre Kollektionen einigen, ist noch nicht absehbar. Doch das Bestreben der Branche, sich neu zu erfinden, scheint gerade in der jetzigen Krise so groß wie lange nicht.