September 2020

Eine Arche mitten in Berlin

Eine sieben Meter hohe Konstruktion aus Fichtenholz mit 28 Metern Durchmesser und der Anmutung eines Raumschiffs ist das Zentrum der neuen Kinderwelt ANOHA des Jüdischen Museums Berlin in der ehemaligen Blumengroßmarkthalle im Stadtteil Kreuzberg.

Eine sieben Meter hohe Konstruktion aus Fichtenholz mit 28 Metern Durchmesser und der Anmutung eines Raumschiffs ist das Zentrum der neuen Kinderwelt ANOHA des Jüdischen Museums Berlin in der ehemaligen Blumengroßmarkthalle im Stadtteil Kreuzberg.

Ringförmig steht der einstöckige, CO2-neutrale Bau, als Herzstück der Kinderwelt frei im Raum. Er ist die moderne Interpretation der Arche Noah – kurz ‚ANOHA‘ – aus der Tora, entworfen vom US-amerikanischen Büro Olson Kundig, planerisch umgesetzt vom Berliner Architekturbüro Engelbrecht. Anstatt historische biblische Archenformen nachzuahmen, ist ANOHA eine moderne Arche, die von zwei scheinbar unterschiedlichen Quellen inspiriert ist: einem alten sumerischen Text, der vor einem Jahrzehnt entdeckt wurde und eine kreisförmige Arche beschreibt, und dem Schiff aus Stanley Kubricks Film ‚2001: A Space Odyssey‘.

Der Überlieferung nach war die Arche ein imposantes Boot, mit dem Noah seine Familie und alle Tierarten vor einer Sintflut rettete. Und auch die erzählerische Gestaltung der Architekten aus Seattle lädt Besucher ab drei Jahren ein, in Gesellschaft von 150 fantasievollen Tierskulpturen an Werkbank, Wasserstrecke oder im Bereich ‚Erzähl von (d)einer besseren Welt‘ die Geschichte der Sintflut, der rettenden Arche und des Neubeginns nachzuspielen, zu begreifen oder mit aktuellen Bezügen neu zu entwerfen. Die Arche in Holzbauweise ist ein interaktiver Ort zum Entdecken, Erforschen und Spielen. Ein Ort, der die jungen Gäste auch zum Nachdenken über ein respektvolles Miteinander von Mensch, Tier und Natur anregen und ermutigen soll, für eine vielfältige und bessere Welt selbst aktiv zu werden. Auch weniger beliebte Tiere wie der Nacktmull haben ihren Platz und stehen für Respekt, Offenheit und Toleranz gegenüber allem, was auf den ersten Blick fremd erscheinen mag. Das Mammut als ausgestorbene und der Eisbär als sehr bedrohte Tierart lenken Kinder wie Erwachsene auf Themen wie Umweltprobleme und die Klimaveränderung und zeigen Möglichkeiten für jeden Einzelnen auf, umzudenken und aktiv Maßnahmen zu setzen.

Die Tierskulpturen wurden von unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstlern entworfen, bestehen aus Fundstücken sowie recycelten Materialien und lassen eine vielfältige Erkundung zu – ob kletterbar, als Hängematte oder kuschelige Höhle. Schätze wollen gefunden, Klänge gehört, Gedanken und Ideen verwirklicht werden. Das kleinste Tier, eine 7 cm große Kakerlake, besteht aus einem alten Löffel und Holzrundstab, sechs Nägeln und zwei Nadeln mit farbigen Köpfen. Das Mammut, mit einer Höhe von 3 m das größte Tier, wurde aus vier Schiffsrudern, einem kleinen Ruderboot, einem Fischernetz, zwei Stoßstangen und Kotflügel eines alten Autos sowie diversen Holzschüsseln und kleinen Trommeln zusammengesetzt. Eine wesentliche Beratungsleistung zum Gelingen des Projekts wurde übrigens von Kindern selbst erbracht. Ein speziell für dieses Projekt ins Leben gerufener Kinderbeirat mit Kindern im Alter von acht bis elf Jahren arbeitete an der Umsetzung der Kinderwelt mit.

Nachhaltigkeit im Fokus

Nicht nur bei den Inhalten, auch bei der Realisierung wurde auf Nachhaltigkeit geachtet. Heimisches Fichtenholz ist das dominierende Material der Tragkonstruktion, der Wände und Decken und auch der Boden ist aus dem nachwachsenden Baumaterial. Bei der Inneneinrichtung kommt zusätzlich durables Buchenholz zum Einsatz. Insgesamt 20 gekrümmte Brettschichtholz-Träger mit engen Biegeradien von 5,5 Metern bilden die innere Arche und die Tragkonstruktion für die gedämmten, trapezförmigen und rechteckigen Holzdachelemente sowie die ebenfalls werksseitig vorgefertigten Sonderwandelemente. Dabei dienen 140 Sekundärachsen zur Befestigung der Leistenschalung. Die Wandflächen sind ähnlich wie beim Schiffsbau mit horizontal angeordneten Brettstrukturen beplankt. Der Ausstellungsraum aus einer Holz-Rippen-Konstruktion wird durch weitere Einrichtungen wie beispielsweise mehreren Workshop-Räumen, einem Foyer mit Garderobe, Personal- und Waschräumen flankiert. Die runde Arche als Haus-in-Haus-Konzept bietet architektonisch einen weichen Kontrapunkt zur 1963 errichteten, geradlinigen Blumengroßmarkthalle in Skelettbauweise aus Stahlbeton.


Auch beim Licht- und Lüftungskonzept setzt man auf möglichst natürliche und ökologische Konzepte. So wird das vorhandene Volumen der ehemaligen Blumengroßmarkthalle als wesentlicher Bestandteil der Klimalösung genutzt. Auf eine maschinelle, energieintensive Lüftung konnte damit weitestgehend verzichtet und ein Konzept für die natürliche Be- und Entlüftung entwickelt werden. Eine Fußbodenheizung sorgt für Wärme, die Halle fungiert als Pufferzone, die thermischen Abpufferungen wirken sich vorteilhaft auf die Klimabilanz aus. Viel natürliches Tageslicht fällt durch das groß dimensionierte, ringförmige Oberlicht, die LED-Beleuchtung reduziert den Stromverbrauch auf ein Minimum.

Gefördert von der ‚Heinz und Heide Dürr-Stiftung‘ folgt das Konzept des Kindermuseums und seiner Angebote dem Early-Excellence-Ansatz, der die Bedeutung der Förderung und Bildung im Vorschulalter betont. Das Kindermuseum möchte ein attraktives Angebot für Familien mit kleinen Kindern mitten in der Stadt schaffen. Die Öffnung in die unmittelbare Nachbarschaft war dabei besonders wichtig. Kooperationen und die Vernetzung mit anderen Einrichtungen sollen einen familienfreundlichen, offenen und kulturell vielfältigen Ort der Begegnung schaffen. Die Kinderwelt ANOHA soll voraussichtlich im November 2020 eröffnet werden. Rubner Holzbau verantwortete für die Sonderkonstruktion mit der Planung, werksseitigen Vorfertigung aller Bauteile, dem Transport und der Montage ein Komplettpaket im Bereich Ingenieurholzbau.

Fakten:

  • Fertigstellung: 2020
  • Bauherr: JKM Gebäudemanagement, Berlin (DE)
  • Architekt: Olson Kundig, Seattle (USA)
  • Objektplanung: Architekturbüro Engelbrecht, Berlin (DE)
  • Holzbau: Rubner Holzbau Augsburg (DE)
  • Dachelemente: Flachdach 1.015 m2 (rechteckige Elemente), Radialdach 600 m² (trapezförmige Elemente), Übergang Flachdach zu Radialdach 115 m2 (rechteckige Elemente)
  • Brettschichtholz: Bogenbinder Arche 15 m3, Tragkonstruktion Flachdach Arche 18 m³, Tragkonstruktion Flachdach Museum 40 m3, Stützen 4 m3
  • Schalung und Paneele: Paneele im Innenhof 600 m2 (13 m3 Fichtenlatten), Schalung Screen außen 440 m2 (9 m3 Fichtenlatten)
  • Fotos: Hufton & Crow, Yves Sucksdorff

 

www.rubner.com/holzbau