Karin Gasser

(c) Manfred Baumann

Juni 2020

Im Gespräch mit Karin Gasser

Menschen aus anderen Ländern, Architektur und Landschaften umfasst das Portfolio der in Wien lebenden Villacherin. Für Karin Gasser ist die Fotografie weit mehr, als die Kamera auf etwas zu richten und los zu knipsen. Wir haben mit ihr über ihre persönliche Faszination an dem Medium und wie es ihr Leben bereichert hat gesprochen.

Ursprünglich haben Sie Pädagogik und Europäische Ethnologie studiert und eine Ausbildung zur Psychologischen Beraterin. Was hat Sie zur Fotografie gebracht?

Meine Arbeit als Therapeutin in einer Neurologischen Klinik am Bodensee und in einer Seniorenresidenz in München mit Schwerpunkt Alzheimer und Demenz haben mich nachhaltig geprägt – als Mensch und als Fotografin. Als Ausgleich zu meiner sehr anstrengenden Arbeit habe ich damals die Fotografie entdeckt. Sie brachte mir die nötige Ruhe, Entspannung und Lebensfreude. Vor 13 Jahren, mit unserer Rückkehr nach Wien, wurde die Fotografie schließlich zu meiner großen Leidenschaft in dieser Stadt.

Wo haben Sie das Handwerk gelernt?

Als Autodidakt habe ich mit einer kleinen analogen Kamera begonnen, in der Einsamkeit der Natur besondere Dinge zu suchen um diese im Bild festzuhalten. Freunde und Familie haben mich motiviert und nach dem Kauf einer Spiegelreflexkamera begann mein „Learning by doing“...

Was reizt Sie persönlich an der Fotografie?

Sie bereichert mein Leben, weil ich dadurch viel aufmerksamer geworden bin. Denn die Schönheit liegt im Auge des Betrachters oder wie es Khalil Gibran ausdrückt: „Das Erscheinungsbild der Dinge wechselt, entsprechend der eigenen Stimmungslage. So sehen wir Magie und Schönheit in Dingen, während die Magie

und Schönheit im Grunde in uns selbst liegt.“ Gerade in unserer schnelllebigen Zeit ist es ein Luxus, sich Zeit für einen Moment zu nehmen und diesen im Bild festzuhalten. Ich freue mich über die Schönheit der Kleinigkeiten und darüber, einzigartige Momente oder etwas Flüchtiges festzuhalten. Auch um Menschen zu inspi- rieren und Emotionen zu wecken, das reizt mich an der Fotografie. Für mich ist sie auch Balsam für meine Seele.

Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?

Im ganz Alltäglichen das Wunderbare und Schöne zu sehen, prägt meinen fotografischen Stil. Die Ethnologie und meine Arbeit als Museumspädagogin haben mein Interesse an fremden Kulturen und fernen Ländern geweckt. Ich suche für meine fotogra- fische Arbeit immer das Schöne, das Außergewöhnliche, den besonderen Blickwinkel und das verborgene Detail – in der Natur, in der Architektur, im Menschen. Ich fotografiere nur Situationen und Dinge, die mich auch persönlich faszinieren. In meiner Arbeit spielt Intuition eine ganz wichtige Rolle.

Welche Orte sind fotografisch für Sie interessant?

Das Reisen und Kennenlernen anderer Menschen und Kulturen gehört für mich zum Schönsten im Leben, daher versuche ich auf Reisen so viel wie möglich mit meiner Kamera festzuhalten. Das sind oft mehr als 1000 Bilder von einer Reise. Doch es braucht keine Reise, um Faszinierendes vor die Kamera zu bekommen - unsere Stadt ist ein Eldorado für die schönsten Motive. „Die eigentliche Entdeckungsreise besteht nicht im Kennenlernen neuer Landstriche, sondern darin, etwas mit anderen Augen zu sehen“ sagte schon Marcel Proust.

Ist das Fotoprojekt „My Vienna“ ihr persönlicher Reiseführer?
Meine Liebe zu Wien kommt in meinen unzähligen Fotos mit wunderbaren Motiven dieser Stadt zum Ausdruck. Die unmit- telbare Nähe unserer Wohnung zum Schlosspark von Schönbrunn nutze ich besonders in den frühen Morgenstunden, um die noch jungfräuliche Natur und die unterschiedlichen Sonnenaufgänge und Stimmungen bei jedem Wetter einzufangen. Diese Stadt bietet zu jeder Jahreszeit traumhaft schöne Eindrücke, ob in der Innenstadt, in den Weinbergen oder der näheren Umgebung.

Ihr Portfolio umfasst unter anderem Menschen aus verschie- denen Ländern. Wie überwindet man sprachliche und kulturelle Barrieren, um solche Porträts zu machen?
Wenn ich in fremden Ländern Menschen fotografiere, mache ich dies nur mit deren Zustimmung, die ich mit etwas Empathie auch meistens bekomme. Manchmal hilft auch eine kleine Aufmerksamkeit in Form von Geld oder Süßigkeiten. Die sprach- liche Barriere spielt dabei die geringste Rolle. Viel wichtiger ist es, sich kultureller Barrieren bewusst zu sein und sich im Vorfeld mit den Gepflogenheiten des jeweiligen Landes auseinandersetzen.

Sie unterscheiden zwischen sehen und beobachten. Was genau meinen Sie damit?
Wer sehen kann, kann auch fotografieren. „Sehen lernen, kann allerdings lange dauern“ war ein treffender Claim eines Kameraherstellers. Aber nicht jeder kann beobachten. Also verstehe ich Fotografie als die Kunst des Beobachtens und des gekonnten Umsetzens. Ein Motiv oder eine Stimmung zu erkennen um darauf rasch zu reagieren. Im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen, das ist ein Credo meiner Arbeit.

Hat der Blick durch die Linse Ihre Sicht auf das Leben geprägt?
Nicht nur meine Arbeit im sozialen Umfeld, sondern auch das Fotografieren hat meine Sicht auf das Leben geprägt. Ich gehe mit offenen Augen und mit Demut durch die Welt und bin dankbar, die Schönheit in noch so kleinen Dingen zu sehen und zu schätzen.

Fotografieren mit dem Smartphone ist mittlerweile zum generationsspezifischen Phänomen geworden. Es hat nicht wirklich stattgefunden, was nicht auf dem Monitor betrachtet werden kann. Mitunter ist das vorzeigbare Bild und das Ringen um Likes sogar wichtiger als die ursprüng- liche Situation, in der es entstanden ist. Wie erreicht Sie dieser Wandel?

Am Jakobsweg von Porto nach Santiago de Compostela hatte ich wegen des Gewichts meine Kamera nicht mit, nur mein iPhone und nicht oft die Gelegenheit, es aufzuladen. Ich bin durch traumhafte Landstriche gewandert und habe beeindruckende Sonnenauf- und

-untergänge gesehen und diese oft nicht festhalten können. Da habe ich mir einfach die Zeit genommen, zu versinken und nur zu genießen. Aber um auf Instagram oder Facebook dennoch präsent zu sein, habe ich am nächsten Tag wieder mein Smartphone benutzt und mich natürlich über die Likes gefreut.

Haben Sie ein persönliches selbst geschossenes Lieblingsfoto?
Mein persönliches Lieblingsfoto ist in China an einem Seitenarm des Jangtsekiang entstanden und zeigt einen sehr freundlich strahlenden Bootsführer, dessen Geste und Lächeln mich immer wieder fasziniert.

Was wird Ihr nächstes Projekt?

Das nächste Projekt wird ein Fotobuch über Wien, zu allen vier Jahreszeiten.

 

karingasserphotography.com